"Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität."
André Breton, Die Manifeste des Surrealismus

Der Surrealismus ist das künstlerische Paradigma, dem ich mich mit meinem Begriff von Kunst und künstlerischem Schaffen am nächsten fühle.

"Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm."
Stephen King, Der Dunkle Turm

Dieser erste Satz ist für mich einfach Magie in Worten. Meine eher düstere Phantastik hat Stephen Kings Erzählweise viel zu verdanken.

Mein Verständnis von Kunst und künstlerischer Schöpfung

01. August 2010 by Laura Flöter

Meine allererste Ausstellung, die ich im Atelier im Fronhof verwirklichen durfte, trug den Namen "Traumwandler": Fast alle Arbeiten, die darin gezeigt wurden, verwiesen mit ihrem Titel auf den Gegenstand Traum und Träumen, so dass "Traumwandler" sie alle erfasste.
Der Traum ist aber nicht nur das Leitmotiv der ausgestellten Werke, sondern ein zentrales Thema meiner Arbeit überhaupt; es schlägt eine Brücke zu meinem künstlerischen Standpunkt: Das Phantastische ist Paradigma meines Schaffens, literarisch wie bildnerisch; im Phantastischen nimmt der Traum als Motiv einen hohen Stellenwert ein – mit seiner symbolisch-metaphorischen Art der Darstellung folgt er seiner ganz eigenen, nicht-rationalen Logik und kann so das Schöne wie das Schreckliche, das Mögliche wie Unmögliche zugleich abbilden und bedeuten.
Der Traum ist darüber hinaus ein Hauptprinzip des Surrealismus, dem ich mich vom schöpferischen Zugriff und von der Motivfindung her verbunden fühle – auch wenn meine Märchenwelten auf den ersten Blick wenig gemein zu haben scheinen mit Tag-und-Nacht-Bildern oder Unterwasserwäldern. Dabei ist der Surrealismus weniger eine Art zu malen als eine Art zu denken, wahrzunehmen und zu entwickeln und so zu seinem künstlerischen Gegenstand zu finden und sich diesem gegenüber zu verhalten.
Dem Surrealismus gilt die Logik der Intuition als gleichberechtigt neben den Prinzipien der Vernunft. Er setzt den künstlerischen Schaffensprozess den psychischen Prozessen des Träumens analog: Die Gesetze der freien Kombination von Bildelementen, der Assoziation und des intuitiven Erfassens und Formulierens, die er dem Traum als gestalterisches Paradigma entnimmt und auf den künstlerischen Prozess überträgt, eröffnen ihm den Zugang zur Bilder-Bibliothek des Unterbewussten und A-Rationalen: Dem Fundus aller Eindrücke und Erfahrungen, des Gewussten und Vergessenen des Menschen, das die Quelle seiner ästhetischen Arbeit und Fähigkeiten ist. Hier sind die gestalterischen Mechanismen allein der Logik der Imagination unterworfen; so gelangt der Surrealismus zu einer gestalterischen Freiheit, die sich aus der Gültigkeit der in der Bildgebung verdichteten Gehalte selbst legitimiert, nicht aus der 'korrekten' Anwendung logischer oder physikalisch gültiger Gesetze. Die surrealistische Gestaltungsfreiheit ist unumschränkt – aber nicht willkürlich, so wenig, wie Träume bloß Zufallsprodukte sind.
Nach meinem ästhetischen Empfinden mündet dieses künstlerische Postulat in das Phantastische, so dass sich mir ein großer Fundus an ästhetischen Prinzipien eröffnet, aus dem ich schöpfen kann. Der Traum muss darin das zentrale Paradigma darstellen, weil er alle beteiligten Komplexe zusammenführt.
In meinem künstlerischen Tun versuche ich diesen Prinzipien zu entsprechen. Das Verwenden von verschiedensten Materialien bietet mir einen nahezu unerschöpflichen Fundus an bildnerischem Vokabular – ähnlich der „Bild-Bibliothek,“ aus der sich die Traumbilder speisen. Jedem einzelnen meiner plastischen Elemente, den Spiegelscherben, Murmeln oder den Drahtgespinsten, haften Assoziationen an, die teils durch mein persönliches Empfinden, teils durch ihre Wiederkehr in immer neuen Bildzusammenhängen entstehen, wo sie sich mit denen anderer Elemente überlagern und durchdringen und so zu einer visuellen Chiffre werden, die Schicht für Schicht auf der Leinwand „wächst“: Meine Arbeiten legen Farben auf Materialien und Materialien auf Farben, bis aus diesen „Ablagerungen“ eine phantastische Bildwelt erscheint.
Ihr „Architekt“ ist zunächst der gelenkte Zufall – aleatorische Verfahren wie Schütten, Tropfen, Spritzen spielen in meiner Arbeit eine wichtige Rolle: Auch hier besteht eine Verwandtschaft zum Surrealismus. Der gelenkte Zufall legt eine Palette gestalterischer Möglichkeiten in dem Bild an, die ich mit meinem Werkzeug – Pinsel, Messer, Spachtel – ausformuliere, die aufgetragenen Schichten durchbreche, um an das zu gelangen, was „verschüttet“ wurde, und es an die Bildoberfläche zurück zu holen, um anderes dafür wieder zu „vergraben.“
Ich führe diesen Prozess fort, bis alles zusammenfindet. Ein Titel, der die Poesie des Bildes verdichtet, bringt den Arbeitsprozess zu Ende. Er entspricht dem oft stark erzählenden Charakter meiner Werke.
Bei meinen Schriftstellereien gestaltet sich der Entstehensprozess natürlich ein wenig anders – aber auch bei ihnen ist es ein Verfahren der intuitiv-assoziativen Gestaltfindung, das meinen Erzählstoff, also Figuren, Schauplätze und Geschehnisse, vorformuliert: Das fantasy-Rollenspiel.
Der Verlauf des Spiels ist kaum vorhersehbar, weil seine Grundidee die spontane und deshalb stark intuitive Interaktion ist; es umgeht so zunächst das Dogma jeder im Voraus festgelegten Zielbestimmung – die Spielfigur ist erst einmal nur vage Idee, mit wenigen Eigenschaften umrissen, um der Phantasie etwas zu geben, an das sie sich „anlagern“ kann und sich von dort aus weiter zu entwickeln. Erst die Spielprozesse formulieren die Figur und auch die phantastische Welt darum herum aus – und auch diese greifen auf die „Bibliothek des Unbewußten“ zu und verdichten und verarbeiten den dort gelagerten „Stoff“ zu einer Geschichte mit allem, was dazugehört; so legt das Spiel wie von selbst Facetten frei, zu denen der rein „theoretische“ Figurenentwurf „im Kopf“ nur mit viel Gedankenarbeit finden könnte, und durch die Einbindung in eine Geschichte, an der alle Spieler mitwirken, geht diese Entwicklung mitunter über Jahre hin und erreicht eine Dichte, die der „greifbaren Realität“ bald nahekommt.
Im Rollenspiel also nehmen die Figuren, die nicht nur in meinen Texten, sondern auch in meinen Bildern erscheinen, zum ersten Mal wirklich Gestalt an, ehe sie dann in meinen eigenen Kosmos „übersiedeln“, den erzählerischen Kontext meines Schaffens – sie alle gehören in die gleiche phantastische Welt: Juras Lurth. Sie ist die übergeordnete Idee, der jedes Bild und jedes Textfragment immer neue Elemente hinzufügt.
Das Rollenspiel, das Malen und das Schreiben ist so das Dreigestirn, das meine künstlerische Arbeit zugleich beschreibt und bedingt; ersteres ist dabei Schlüssel zu Bildfindung und Entwicklungsmöglichkeiten, deren zunächst noch ephemere Gehalte sich dann als Bild oder als Text niederschlagen – und an diesem Punkt übertreten in die wirkliche Welt: Als nunmehr ästhetisches Produkt werden sie zum Gegenüber, das den Betrachter zum Dialog auffordert – oder: herausfordert.
Wie Professor Jörg Eberhard in seiner Eröffnungsrede zu meiner Ausstellung "Traumwandler" sagte: „Man darf nie vergessen, selbst die größte Phantastik steht ja mit beiden Beinen ganz fest in der Wirklichkeit. So phantastisch kann gar nichts sein, dass es nicht mehr auch auf die echte Welt verweist.“